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  Protokoll von Sven-Dietrich Lass
über die Zeit zwischen dem 23.07. und dem 27.07.2001


geschrieben am 20.08. im Gefängnis Marassi von Genova,
überarbeitet am 10.10.2001 in Berlin
   
 

23.07. 09.00 Uhr: - unsere Camper stehen über Nacht in den Bergen in der Landschaft von Uscio. Wir, 7 Frauen und 3 Männer, werden von einer Streife der Carabinieri geweckt, die eine "Routinekontrolle" durchführen. Sie wollen Ausweise sehen und stellen uns Fragen über unseren Verbleib, Ziele und zum G8-Treffen in Genova. Nach einer halben Stunde trifft die Verstärkung ein, weitere Carabinieri, sowie zivile Beamte, die durch ihr grobes und agressives Auftreten auffallen. Die Caravans werden durchsucht und alle Kleidungsstücke mit der Farbe schwarz werden auf einen Haufen geworfen, ebenso wie die Werkzeuge aus der im Camper eingebauten Werkbank und den Werkzeugkästen. Aggressiv und unter Flüchen durchsuchen die Zivilen zum wiederholten Male die Busse - anschliessend werden wir im Polizeiconvoi zur Personalienfeststellung nach Recco eskortiert, unter der Androhung, dass die Beamten auf uns schiessen werden, sollten wir versuchen zu fliehen. Die Durchsuchungen dauern ca. 3 Stunden.

Auf dem Flur der Polizeiwache in Recco fragen uns die Zivilen erneut, ob wir in Genova gewesen sind - wir sagen, dass wir:
1. wissen wollen, warum wir festgehalten werden,
2. sofort eine Anwältin anrufen wollen und
3. ohne Anwältin nichts sagen werden

Als unmittelbare Antwort zieht der zivile Polizist A einen federnden Teleskop-Schlagstock aus seinem Hosenbund und schlägt mit voller Wucht an meinem Kopf vorbei an die Wand. Er schlägt mir anschliessend mehrmals feste mit der flachen Hand ins Gesicht und droht uns schreiend, wir sollen sofort reden. Ferner belehrt uns der Beamte B , dass "wir in Italien sind und wer hier auf die Fragen nicht antwortet wird geschlagen" sowie dass wir "Scheisse" wären und "keine Rechte" hätten. Wir werden ins Krankenhaus gefahren, wo wir von mehreren Personen in weissen Kitteln ohne Angabe einer Begründung untersucht werden.
Anschliessend werden wir in Handschellen gelegt und zur Carabinieri-Station nach St. Magaritha gefahren. Wir werden alle 10 in einen Raum gesperrt. Der zivile B stellt uns in ruhigem Ton in mehr schlechtem als rechtem Englisch erneut die Fragen zu Genova, sowie, ob wir ein "black block" seien...wir antworten darauf mit 1., 2. und 3. - worauf hin der Zivile A Schläge und Tritte verteilt, er trifft mich und mindestens noch C.D. - oft ist es mir nicht möglich, zu sehen, was um mich herum vor sich geht, weil ich durch die Schläge und den daraus resultierenden Schrecken und Schmerzen des öfteren den Überblick für Momente verliere. Ausser den Zivilen sind immer mindestens 3, 4, 5 Männer in Carabinieri-Uniformen anwesend, die sich, bis auf Lachen und drohen meistens passiv verhalten. Der Zivile B stellt erneut seine Fragen, und deutet auf seinen Kollegen A, der demonstrativ und drohend einen schwarzen Schlagstock aus Hartplastik in den Händen hält. Polizist B weist darauf hin das wir besser reden sollen, sie wüssten auch schon, dass wir ein "black block" sind und wir könnten es ruhig zugeben. Wir betonen 1., 2. und 3. Plötzlich und unvermittelt schlägt der Polizist A mit dem Schlagstock auf mich ein. Er trifft meinen Kopf mittig mit starker Kraft, er trifft mich auch an anderen Körperteilen, wie auf dem Rücken, Bauch, er schlägt mir in die Nieren und auf die Beine. Solche Prügelmomente wiederholen sich in den nächsten Stunden mehrmals. Ich beobachte, wie Polizist A auf M. U. einschlägt, und sie mitten ins Gesicht tritt, ich beobachte, wie Polizist A auf C.D. mehrmals heftig einschlägt, und wie er A.W. die Brille aus dem Gesicht reisst und ihr mit dem Schlagstock aufs Bein prügelt. Ich selbst werde aus dem Raum in die erste Etage geführt, nachdem ich von Polizist A so doll mit dem Stock vor die Brust geschlagen worden bin, dass mir für einen Moment der Atem wegbleibt. Nach der erkennungsdienstlichen Behandlung werde ich zurückgebracht, wo ich Zeuge werde, wie Polizist A einige der Frauen sexistisch mit dem Stock bedroht.

In der ersten Etage bedroht mich der Beamte A mit dem in meinem Camper beschlagnahmten Hammer, indem er ihn mir vor die Lippen presst und andeutet, mir die Zähne auszuschlagen, ebenso drückt er die spitze Seite des Hammers vor meine Kniescheibe und brüllt mich in einer mir unverständlichen Sprache an. Er hat dabei die ganze Zeit einen glühenden Zigarello im Mund und schwarze Lederhandschuhe an. Diese Handschuhe trägt er auch, als er mich einhändig würgt. Das wenige, was ich verstehe, sind neben wüsten Beschimpfungen die Fragen nach dem G8-Gipfel und dass ich sagen soll, dass ich "Genova destroy" hätte, und dass ich das unterschreiben solle. Meine Hände sind die ganze Zeit auf den Rücken gefesselt, die Handschellen sitzen so eng, dass mir die Hände taub werden und die Fingerspitzen noch Tage später kribbeln.

Um ca. 21 Uhr werden K.E., H.S. und ich ins Männergefängnis Marassi in Genova überführt. Zu diesem Zeitpunkt schmerzt mein Kopf pochend und dröhnend, und mein Körper tut an drei Stellen beängstigend weh, vor allem meine Brust beim Atmen und mein rechter Ellenbogenknochen, den ein Schlag getroffen hat.
Die 40 km. nach Genova-Marassi erlebe ich in einem non-stop-Angst-Zustand, weil der Streifenwagen die Serpentinenstrecke statt mit den vorgeschriebenen 40 km/h, mit glatten 160 km/h (!) und lebensgefährlichen Überholmanövern zurücklegen.

Gegen ca. 22 Uhr erreichen wir das Gefängnis Marassi. Auf dem Hof werden wir aus den Autos geleitet, vorbei an einer ca. 20-köpfigen Gruppe Gefängnisangestellter, denen Polizist A uns als "black block" vorstellt. Wir müssen nun ein Spalier aus uns beschimpfenden und vereinzelt tretenden Polizisten und Wärtern passieren, bis wir schliesslich in einem Verwaltungsbüro ankommen, welches "Ufficio Matricola" genannt wird. Erneut werden Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht. Der Umgangston ist rau und aggressiv, z.B. werden mir mehrmals Schläge angedeutet, obwohl ich nicht den geringsten Widerstand gegen die ED-Massnahmen leiste. Ich werde in eine dreckige Wartezelle gesperrt, durch deren Tür ich erkennen kann, wie K.E. unter lauten Beschimpfungen und Fusstritten über den Flur getrieben wird. Nach ca. 20 min. werde ich in einen Raum geführt, in dem persönliche Dinge von Gefangenen aufbewahrt werden. Uniformierte stellen mich an die Wand, durchsuchen mich, und befehlen mir, mich komplett auszuziehen. Alles. Ich stehe nackig vor ihnen und etwa zwei Minuten herrscht totale Ruhe in dem geschlossenem Raum. Es sind zwei Uniformierte anwesend, der Raum liegt zum Grossteil im Dunkeln, nur der Teil, in dem ich mich aufhalte, ist beleuchtet. Plötzlich schreien die Männer mich an, brüllen mir direkt in die Ohren, ich verstehe nichts, habe ohnehin klopfende Kopfschmerzen. Die befehlen mir, dass ich mich bewegen soll, auf und ab, etwa wie ein Hampelmann...ich versuche das Verlangte umzusetzen, woraufhin die Beamten mich verhöhnen und auslachen. Sie schlagen auf mich ein, beide, die Schläge treffen mich im Gesicht, in der Unterleibsgegend, sie schlagen gezielt mit flachen Händen auf meine Ohren. Ich liege auf dem Boden und spüre die Tritte und Schläge der Gefängnisbediensteten und muss wüste Beschimpfungen über mich ergehen lassen. Ich liege auf der rechten Seite und versuche meinen Kopf mit den Armen zu schützen, da stellt mir einer der zwei Uniformierten seinen Schuh mitten ins Gesicht. Beide nutzen diese Situation, um mir zu erklären, dass sie (wörtlich:) Faschisten sind, dass ich in ihrem Land Italien bin und keine Rechte habe, dass der Duce (Mussolini) wieder da ist, dass ich ihr Feind bin, und dass sie mich "killen" wollen. Nach diesen Geschehnissen muss ich mich mit dem Gesicht zur Wand stellen, währenddessen die Beamten mich hinter meinem Rücken beschimpfen und bedrohen. Einer schneidet mir mit einer Schere meine Halskette und Armbänder durch, der andere macht sich über meinen verängstigten und eingeschüchterten Blick lustig. Die Halskette (samt Glücksstein) und die Armbänder werden in den Müll geschmissen. Ich werde gezwungen Papiere zu unterschreiben, von denen ich (bis heute) nicht weiss, was sie besagen oder was ich damit bestätige. Ich werde daraufhin von einem weiterem Wärter in eine Art Behandlungszimmer geführt, in dem zwei Männer sind, die weisse Kleidung tragen. Der eine sitzt am Schreibtisch, der andere steht vor einem Schrank und hält eine Spritze in der Hand. Er wiegt diese Spritze bedrohlich auf und ab und grinst mich an. Mir wird deutlich gemacht, dass ich einen Zettel unterschreiben soll, ansonsten würde ich eine Injektion bekommen. Ich unterschreibe sofort. Ich sitze dem Mann in weisser Kleidung gegenüber am Tisch, hinter mir steht der Wärter, der mich hierher geführt hat, und beschimpft mich. Allem Anschein nach sind die beiden Männer belustigt - sie lachen und spotten - und ich verspüre in dieser Situation Angst und ein inmenses Unwohlsein. Ich werde befragt, ob ich rauche oder drogensüchtig bin, damit ist die Behandlung abgeschlossen. Ich frage nach etwas zu Essen und zu Trinken, worauf hin die Männer in den weissen Kitteln lachen und der Wärter mich unsanft aus dem Behandlungsraum schubst. Ich werde in eine Zelle geschlossen, in der ich Karsten Engels wiedertreffe. Nach ca. einer Stunde werden wir erneut in eine andere Zelle verlegt, in die letzte des Erdgeschosses, Cella uno (Zelle eins), in der ich die nächsten 6 Wochen eingesperrt sein werde. Ausser mir befinden sich zu diesem Zeitpunkt K.E., B.W. und V.A. in der Zelle. H.S. wird nach kurzer Zeit ebenfalls hereingeführt.

Spät in der Nacht, wir liegen auf den Betten, betreten ca. 4 Wärter den Raum, Wärter A reisst mir und allen andern die Bettdecken weg und schlägt auf mich und die andern ein, Wärter B, C...schreien auf italienisch - das einzige, was ich verstehe ist "black block" und "merda" - in Kombination mit diesen Worten werden wir vom Wärter A geschlagen. Dieser Überfall ist nach ca. 5 Minuten vorbei. Ich liege auf dem Bett, das Neonlicht lässt sich nicht abschalten (auch in den folgenden zwei Nächten wird es nicht ausgeschaltet, und wenn, dann nur, um nach ca. 30 Min. wieder anzuschalten und den störenden Effekt zu verstärken), ich habe stark pochende Kopfschmerzen, ich spüre die Stellen, an denen mich der Polizeiknüppel vom Vormittag getroffen hat, die Schläge und Tritte des Nachmittages und der Abends, besonders schmerzt meine Brust und mein rechter Ellenbogen. Zudem begleitet mich hungerartige Übelkeit, Traurigkeit und Angst.

24.07.01 Morgens früh betreten wieder ca. 4 Wärter die Zelle und wecken uns mit lautem Geschrei und vereinzelten Schlägen auf. Wärter A klettert auf das 3-etagige Bett, um auf den über mir liegenden H.S. einzuschlagen. Anschliessend schlägt er mir ca. 3 mal auf den (ohnehin schon schmerzenden) Kopf und fragt nach "black block". Ich erinnere mich dass ich verneine und antwortete, dass ich "non violenti" bin und "pazifist"...er wiederholt diese Wörter und schlägt mir dabei mit der flachen Hand ins Gesicht. Der gleiche fordert K.E. auf, seinen Stiefel zu lecken, es ist K.s Geburtstag.

Schliesser A kommt erneut gegen Mittag in die Zelle, begleitet von mehreren anderen und erteilt italienische Befehle. Hinsetzen, ins Bett legen, an die Wand stellen und so weiter, wer nicht schnell genug pariert, wird geschlagen, geschubst oder getreten, dieser "Italienischunterricht" wiederholt sich an diesem Tag mindestens zwei mal.

C.M. wird später in die Zelle gebracht, Wir werden alle einem Psychologen vorgeführt, der zwar freundlich ist, mit dem ich mich aber nicht verständigen kann.

25.07.01 In dieser Nacht werde ich von der Gegensprechanlage geweckt, über die eine drohende Männerstimme unsere Namen ruft, sowie den Begriff "black block". Ca 4 Minuten lang. Alle Namen abwechselnd (z.B.: Sven Lass.....black block.....K.E....black block...usw). Dabei ist es dunkel in der Zelle, kurze Zeit später ist das Neonlicht wieder eingeschaltet und brennt die ganze Nacht.

Am Morgen werden wir von mehreren Wärtern geweckt, wovon einer ( Wärter D) einen grossen Wackerstein in der Hand hält. Wir müssen uns alle aufstellen, und werden gefragt, ob dieser Stein einem von uns gehört. Schliesser D macht Andeutungen den Stein zu werfen, schimpft uns "merda" und verschwindet, bis er und weitere wiederkommen, um uns erneut zu beschimpfen. Er grüsst beim Betreten der Zelle mit dem "Hitlergruss" und fordert uns auf, ebenso zu grüssen. Erst allgemein, dann speziell mich, ich weigere mich, woraufhin Wärter D mich ins Gesicht schlägt. Er fordert diesen Gruss auch von B.W., auch er wird geschlagen. Wärter D bedroht K.E. mit einem Stilett-Messer. Er deutet ihm an, die Kehle durchzuschneiden, dann die Haare abzuschneiden, schliesslich reisst er ihm das Haarband aus den Haaren, beschimpft uns alle und verschwindet.

Später am Tag können wir das erste Mal mit der von uns benannten Rechtsanwältin Raffaela Multedo sprechen, sowie mit einem Mitarbeiter des deutschen Konsulates, Herrn Wetzlau. Ich erzähle ihm, dass wir geschlagen werden, bitte ihn gleichzeitig, diese Informationen vorläufig nicht öffentlich zu machen, weil ich einfach grosse Angst habe, dass die Wärter sich rächen könnten, sowie ein Gefühl der Ungewissheit und des Ausgeliefertsein mein Handeln bestimmt hat.

Die physischen Übergriffe enden mit den Besuchen der RA, sowie des Mitarbeiters des Konsulates. Beschimpfungen, Bedrohungen und Beleidigungen bleiben allerdings meine ganze Haftzeit in Marassi der allgegenwärtige Umgangston.

Hervorheben möchte ich nochmals, dass es mir 6 Wochen lang nicht gestattet wurde zu telefonieren, dass mir mindestens an 8 Tagen der Hofgang verweigert wurde, dass ich mittels Schlägen und Tritten, aber auch tagelanger psychischer Gewalt gezwungen werden sollte, schwere Straftaten zuzugeben, für die das italienische Strafmass 8 - 15 Jahre Haft vorsieht. Ich habe zu keiner Zeit in keiner Situation einem Beamten Anlass dazu gegeben auf mich in gewalttätiger Form einzuwirken.

Ebenso habe ich mich darauf beschränkt, allein die "groben" Vorkommnisse zu beschreiben, "kleinere" , wie das Schikanieren unter der Dusche, auf dem Gang, vor Besuchen oder beim Essen, kommen in meinem Bericht nicht vor, gehören im Gefängnis Marassi aber zur Tagesordnung. Soweit ich das beobachten konnte, sind davon auch andere Gefangene, vorwiegend Migranten betroffen.
Eine Anwältin zu benachrichtigen wurde mir verwehrt, ebenso mit meiner Mutter zu telefonieren. Ich habe in dem vorliegenden Text versucht, das Geschehene nüchtern und im Stile eines Gedächtnisprotokolls zu beschreiben, d.h. dass ich auf meine Gefühle, Stimmungen, Ängste, Sorgen und die Tatsache ohne konkreten Tatvorwurf eingesperrt zu sein, nicht eingehe. Oftmals ist mir eine genauere Beschreibung der Personen oder verschiedener Einzelheiten nicht möglich. Alles woran ich mich erinnern kann, habe ich versucht hier bestmöglich und vor dem Hintergrund der Wahrheit zu beschreiben.

Eine Klage gegen die Misshandlungen wurde am 23.10. (fristgemäss) von meinem Anwalt Andrea Roveta beim Gericht in Genova eingereicht.

Sven - Dietrich Lass im Oktober 2001


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